DYSTOPISCHE AUSSICHTEN: WAS UNSER SCHULSYSTEM MIT STRUKTURELLEM RASSISMUS GEMEINSAM HAT


Dies ist eine kleine SNEAK PEAK auf mein erstes Buch. Es wird ein Buch darüber, warum und wie ich in den Lehramtshimmel aufstieg, wie ich jahrelang probiert habe, mit dem ganzen Stress zurecht zu kommen und was letztendlich dazu geführt hat, dass ich einfach absolut keinen Bock mehr hatte, mich so ausbrennen zu lassen. Wie ich einen Notausgang fand und ein ganzes Jahr als Lehrerin arbeitete in dem Wissen, dass ich es bald hinter mir lasse und es schaffte, mich gedanklich aus den Strukturen in mir und um mich zu befreien. Im Laufe dieses Ausstiegsprozesses sind mir leider erschreckend viele Strukturprobleme im Schulsystem aufgefallen...



Picture by Rubén Rodriguez on Unsplash.com
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Um auf die Probleme im deutschen Schuldsystem einzugehen, muss ich ein bisschen ausholen. Denn mal abgesehen von diesem vollkommen veralteten Bildungskonstrukt gibt es so einige Dinge in unserer Gesellschaft, mit denen haben wir uns noch nie kritisch genug auseinandergesetzt haben. Die waren halt immer da und wir wussten nicht, dass es auch noch etwas anderes außerhalb dieser Möglichkeiten gibt: Mädchen haben am liebsten lange Haare. Jungs spielen mit Autos. Weibliche Tiere in Comics haben lange Wimpern. Nagellack ist nichts für Jungs. Und Jungs mögen einfach blau. Und Mädchen lila und pink. Um glücklich zu sein, muss man ein Haus kaufen, heiraten und Kinder bekommen. Wenn ich einen Vertrag unterschreibe, kann ich nichts mehr dran ändern. Wenn ich heirate, muss ich das durchziehen bis zum Ende. Frauen verlieben sich in Männer und Männer in Frauen. Dunkelhäutige Menschen sind nicht Deutsch. Naja, zumindest nicht „so richtig“. 

Und auf einmal gibt es immer mehr Leute, die das anzweifeln oder uns gar etwas ganz anderes vorleben. Krass! 


1. HEUTE SCHON GEGENDERT?

Guck dir zum Beispiel die „Gender Debatte“ an - ein sensibles Thema, das inzwischen bei einigen Zeitgenoss:innen augenblicklich Aggressionen oder Brechreiz auslöst. Der Ausdruck „Gender“ – das englische Wort für Geschlecht – ist plötzlich in aller Munde. Pun intended. Es wird immer deutlicher, dass der generische Maskulin, also, dass man automatisch immer maskuline Formen benutzt (sowas wie Frisör, Arzt, Feuerwehrmann, Polizist, Schüler, Lehrer…), Ausdruck einer langen Entwicklung der ungleichen Geschlechterverhältnisse ist. Und dass nun – da Frauen sich auf der ganzen Welt immer mehr Raum und Gehör verschaffen – Rollenbilder und was bisher als „normal“ und „üblich“ angesehen wurde, kritisch hinterfragt und verändert werden. Man schreibt nicht mehr „Liebe Kollegen!“, es heißt bitte „Liebe Kolleginnen und Kollegen!“, „Liebe Kollegen und Kolleginnen!“, „Liebes Kollegium!“ oder „Liebe KuK!“

Wenn du jetzt an dieser Stelle sagst: „Boah, das finde ich SO unnötig und bescheuert!“, dem muss ich deutlich sagen: Dann hast du das Problem noch nicht richtig erkannt. Ich las kürzlich folgenden Spruch, der hier hervorragend passt: If you’re not angry, then you are not paying attention! 

Warum ich das alles erzähle? Weil es an der Zeit ist, feste Strukturen in unseren Köpfen aufzubrechen – und das nicht nur an der Genderfront. Es gibt so viel mehr in unserer großen Welt, als wir uns bisher so richtig vor Augen geführt haben und das Umdenken bezüglich unserer Geschlechteridentität ist nur eine von vielen Baustellen! Falls du es noch nicht tust, bitte ich dich, endlich anzufangen, bestehende Strukturen, deine Einstellungen und dein Verhalten dazu zu hinterfragen, sonst wird es mit notwendigen Veränderungen in der Gesellschaft sehr schwierig - und die Genderdebatte ist nur eins von vielen Strukturproblemen.

Daher solltest du zuallererst vor allem als Frau unbedingt Feministin werden. Und ich meine hier nicht, dass du aufhören sollst, deine Achselhaare zu rasieren und anfangen sollst, Männern Sprüche zu drücken. Nein, werde eine Frau, die Frauen mag und stützt. Die alte Strukturen hinterfragt und sich ebenbürtig sieht mit Männern, die sich nicht versteckt und anerkennt, dass sie als Frau nun mal anders ist als ein Mann und auch andere Dinge gut oder besser kann, manche eben nicht. Dass es die Unterschiede im Geschlecht sind, die uns auch besonders machen und dass das auch genauso gut ist. So eine Art von Feministin meine ich. Auch Männer sollten dringend bekennender Feminist werden und die Augen vor den Ungleichheiten in unserer Gesellschaft nicht verschließen. Feminist:in Sein bedeutet, Geschlechter als gleichberechtigt zu sehen – trotz aller Unterschiede. Und sich dafür einzusetzen, dass alle gleiche Möglichkeiten haben und nicht so zu tun, als wäre das alles übertrieben und unnötig. So wie Sherlock-Darsteller Benedict Cumberbatch, der gleiche Gage für die weiblichen Hauptdarstellerinnen in seinen Filmen fordert. Yes, man!

Und hier sind wir schon bei der ersten Grätsche ins Bildungssystem, denn alle Lehrer:innen - und Eltern sowieso - sollten sich ihre riesige Vorbildfunktion für Jungen und Mädchen jederzeit bewusst machen und überlegen, was sie den jungen Menschen mit ihrem Verhalten und ihren Geschlechterrollen vorleben, denn Kinder lernen nun mal am Beispiel. Ich gehe jetzt jedenfalls bewusst zu meiner ÄrztIN, meiner FrisörIN und nicht mehr generisch „zum Arzt“ oder „zum Frisör“. Und es macht mich stolz, dass Frauen so präsent sind – denn ICH bin schließlich eine Frau und somit ein Vorbild für die jungen Mädchen und Frauen, die meinen Weg kreuzen. Es MACHT einen Unterschied – glaub mir einfach! Bitte bitte mach du auch mit!

Ich bin immer sehr gespannt, was mein 3-jähriger Neffe und meine 5-jährige Nichte für Rollenbilder zum Ausdruck bringen. Heute strich meine Schwester seine Zimmerwand. Farbe? BLAU! Bevor ich „Hallo? Gender Marketing und welch Rollenklischée…?!“ zu Ende denken konnte, schob sie „Mit Glitzer!“ hinten dran. Da musste ich ganz schön grinsen, denn das war versöhnlich. Die Wand ist übrigens knalltürkis. Mit Glitzer. 


2. RASSISMUSKRITISCH DENKEN = SYSTEMKRITISCH DENKEN

Picture by Liam Edwards on Unsplash.com
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Generell ist das Thema Diskriminierung sehr facettenreich, geht tief und zeigt gleichzeitig unser mangelndes Problembewusstsein für bestehende Zustände. Bei meinem Umdenkensprozess half mir vor allem Tupoka Ogettes Buch „Exit Racism – rassismuskritisch denken lernen“. Ogette, ihres Zeichens Antirassismustrainerin, bezeichnet sich selbst als „Expertin für Vielfalt“ und erklärt in ihrem Buch kleinschrittig, wie sich Rassismus entwickelt hat und wie tief verwurzelt er in uns allen ist – selbst, wenn wir denken, wir wären AUF GAR KEINEN FALL rassistisch! Viele Menschen WOLLEN sich selber auch gar nicht hinterfragen und ersticken gedankliche Entwicklungsmöglichkeiten mit einem fast schon entrüsteten „MICH betrifft das nicht!“ sofort im Keim. Du kannst sicher sein: ist das deine erste Reaktion bei egal welchem Thema, solltest du vielleicht dringend mal hinschauen. Intelligente Menschen wissen, dass sie vieles nicht wissen und überall noch etwas lernen können. Alles andere wäre ignorant.

Ich ertappte mich jedenfalls selber an der ein oder anderen Stelle und war erschreckt, wie wenig kritisch ich gewissen Dingen bisher gegenüber gestanden hatte und konnte so nicht nur mein Bewusstsein gegenüber meiner Haltung zu Ausländer:innen - oder Menschen, die ich bewusst und unbewusst als solche einstufte - überprüfen. Ich hatte mir vorher nämlich nie Gedanken über all die Vorteile gemacht, die ich wegen meiner Hautfarbe habe, weil man die Dinge, die eben einfach leicht sind, ja nie auffallen oder kritisch hinterfragt werden. 

Als Beispiel dient hier die Tatsache, dass ich richtig gut mit Geld umgehen kann - was sich aber erst kürzlich für mich entschleierte. Meine Freundin erklärte mir, dass sie immer meinen guten Umgang mit Geld bewunderte, worüber ich vollkommen verblüfft war. „Hattest du jemals Probleme mit Geld?“ NEIN! Hatte ich nicht. Du siehst also – die Dinge, die für dich selber total selbstverständlich sind – wie z.B. für mich die Tatsache, dass ich spare und immer nur so viel ausgebe, wie ich habe – fallen dir einfach nicht als ein Privileg auf. Und genauso wenig habe ich jemals bemerkt, dass ich mich nie zu einer Minderheit gehörig fühlen musste. Oder dass überall in meiner Lebenswirklichkeit „Menschen wie ich“ repräsentiert sind. Das ist doch normal, oder? NEIN – für viele Menschen ist es das nicht! Sie sind unterrepräsentiert und werden eben nicht „normal“ und freundlich behandelt. Wenigstens kann man in den Schulbüchern inzwischen mehr Diversität beobachten. So gibt es schon länger farbige Charaktere, getrennte Eltern oder homosexuelle Lebenspartnerschaften. Ich sag dir - ich freue mich schon auf die erste Transgender Figur!

Meine Schule hatte immer eine recht gemischte Schülerschaft und ich habe viele Kinder mit Migrationshintergrund unterrichtet. Ich war eigentlich immer davon ausgegangen, dass ich meeeega offen wäre und nicht rassistisch denken würde. Ogettes Buch belehrte mich trotzdem so manches Mal eines Besseren. Manche Dinge sind für "uns" so selbstverständlich, dass wir sie nicht hinterfragen. Sie sind so tief in unserer Gesellschaft verwurzelt, dass wir einfach gar nicht auf die Idee kommen, dass sie falsch sein könnten. Auch ich frage Menschen, die offensichtlich „nicht Deutsch“ sind, gerne mal danach, wo sie eigentlich her kommen oder habe manchmal ein eklatantes Schubladendenken, z.B. in Bezug auf Religionen oder das Tragen von Kopftüchern. Ich arbeite dran...! Umdenk- und Umlernprozesse sind ziemlich intensiv und kosten viel Zeit. 

 

Ogette beschreibt deutlich, wie tief Rassismus und ein entsprechendes Denken in unseren Strukturen verwurzelt ist und wie schwer es ist, diese Art, Menschen und die Attribute, die ihnen zugeordnet werden, zu durchbrechen. Man muss ja bloß momentan in die USA schauen, um zu erkennen, wie massiv das Überlegenheitsdenken der Weißen in der gesamten Gesellschaft verankert ist – und mit welchen Problemen es verbunden ist, ein neues Bewusstsein zu schaffen um Ungerechtigkeiten zu verhindern. Die Problematik zwischen Schwarzen und Weißen geht ja z.B. auf Zeiten zurück, in denen der Sklavenhandel entstand.

 

Und auch, wenn Deutschland sicherlich ein bisschen weiter ist als die USA, so wird kulturelle aber auch sexuelle Vielfältigkeit nach wie vor eher zögerlich angenommen. Es ist überdies erschreckend, wie viel wir NICHT über die deutsche Geschichte in Hinblick auf Sklavenhandel oder Kriege im Laufe der Kolonialzeiten in Afrika erfahren. Wir lernen viel über den 2. Weltkrieg, aber andere historische Vorkommnisse, die viele Menschenleben forderten, bleiben im Geschichtsunterricht unerwähnt. Oder hast du schon mal was von der Vernichtung des Herero Volkes in Deutsch-Südwestafrika Anfang des 20. Jahrhunderts durch den preußischen General Lothar von Trotha gehört? Das waren immerhin an die 60.000 Menschen! 


3. WAS HAT DAS MIT UNSEREM SCHULSYSTEM ZU TUN?

Picture by Priscilla Du Preez on Unsplash.com
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So, jetzt bekomme ich die Kurve aber endlich hin: Denn unser Schulsystem wird zwar regelmäßig kritisiert, aber genau wie bei der Rassismusproblematik in den USA gibt es noch viel zu wenige Menschen, die mit klarem Verstand und Veränderungsbereitschaft an den richtigen Stellen an die Sache heran gehen. 

Wenn du dir anschaust, was in den Vereinigten Staaten gerade abgeht, wirst du feststellen, dass viele Schwierigkeiten dadurch entstehen, dass falsch handelnde Menschen insbesondere an wichtigen „Machtpositionen“ sitzen. Sie hatten vier Jahre lang einen Rassisten als Präsidenten und ein Großteil der Polizisten, die die Aufgabe haben, das Volk zu schützen, schert die Bevölkerung eben NICHT über einen Kamm, sondern macht hier immer wieder bewusste Unterschiede. Die Menschen merken zwar schon lange, dass etwas nicht richtig funktioniert, aber es ist schwer, etwas zu verändern, wenn ein Problem so tief im System verwurzelt ist. Das passende Mindset erstreckt sich über so viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und wird nicht zuletzt durch die bizarre Ellenbogenmentalität, die in der Gesellschaft vorherrscht und die schon in Schulen antrainiert wird, untermauert. Man muss sich nur mal amerikanische Komödien und Serien anschauen, um zu erkennen, dass es offensichtlich eine unveränderbare Wahrheit ist, dass man als Kapitän der Footballmannschaft King der Schule und als Anführerin der Cheerleaderin das beliebteste Mädchen ist. Meine amerikanische Stiefmutter, Professorin an einer dotierten Universität in Michigan, erzählte, dass die Studenten, die hochrangig für die Baseball und Footballmannschaften der Uni spielten, ebenfalls viel einfacher „gute Noten“ bekamen bzw. bekommen mussten.

DAS meine ich mit Problemen, die ganz tief im System verwurzelt sind. SOWAS aufzulösen und in den Köpfen ein neues Bewusstsein für Gerechtigkeit zu schaffen, dauert ewig! Und – diejenigen, die vom System profitieren werden alles unternehmen, um ihre Privilegien nicht zu verlieren!

Inzwischen werden die Proteste in Form der BLACK LIVES MATTER Bewegung glücklicherweise immer lauter und es gibt viele, die diese unterstützen. Aber auch noch genügend Menschen, die ihr fassungslos gegenüber stehen! Und guck dir auch mal an – was musste dafür erst alles passieren! Und das schlimme daran ist: es passierte auch schon lange lange vorher, wurde aber einfach nicht richtig publik gemacht oder ausreichend ernst genommen!

 

Und nun schau dir unser Schulsystem an: Alte Strukturen werden kaum hinterfragt, alle IM System schaffen es kaum, sich zu wehren und werden nicht wirklich gehört. Selbst in Ausnahmezeiten mit einer Pandemie und vollkommen außer Kraft gesetzten Regeln wird verzweifelt an den alten, auch vorher nicht funktionierenden Strukturen und Vorgaben festgehalten. Leider sitzen an den Gelenkstellen für wichtige Entscheidungen und Veränderung Menschen, die mit dem System nicht vertraut und deswegen auch nicht wirklich unzufrieden sind, nichts ändern können oder wollen. Aber LEHRERGESUNDHEIT MATTERS, TOO! Falls dir übrigens gerade aufgefallen ist, dass ich hier nicht gegendert habe - Applaus! Du bist sensibilisiert! Zahlen über Aussteiger:innen und Frühverrentungen werden praktischerweise nicht geführt, denn diese Zahlen verlaufen sich mit Pensionierungen und Bundeslandwechsler:innen. Es wird viel diskutiert, aber so gut wie nichts geändert. Viele IM System haben noch gar nicht das Bewusstsein entwickelt, DASS das System 1.) hinterfragt werden kann und dass es 2.) schon lange nicht mehr richtig funktioniert. Viele Lehrer:innen verzweifeln zwar an den Belastungen - vor allem nun zu Coronabedingungen - schaffen es aber kaum, sich zu solidarisieren und gemeinsam "gegen das System" zu kämpfen. Eher zeigt man mit moralischem Zeigefinger auf die, die nicht genug leisten oder nicht mehr können. 

 

Leider haben Deutsche von Natur aus eine ziemliche Autoritätshörigkeit kombiniert mit einer mangelnden Bereitschaft zur Veränderung. Und Lehrer:innen haben das "vorauseilende Gehorsam", mit dem selbst die schwachsinnigsten Anweisungen "von oben" ohne Hinterfragen umgesetzt werden, ohnehin gut internalisiert. 

Mein Finanzberater sagte mal: „Die Deutschen haben zu viel Angst. Die sind kein Gründervolk!“ Der Begriff „German angst“ (sprich ÄÄÄÄngsd) ist übrigens ein feststehender Begriff in der englischen Sprache. Laut Wikipedia bedeutet er im Detail: charakteristisch empfundene, gesellschaftliche und politische, kollektive Verhaltensweisen der Deutschen. Sabine Bode, deutsche Journalistin und Autorin, sieht ihren Ursprung im 2. Weltkrieg und erklärt in ihrem gleichnamigen Buch detailliert die "German angst" und die generellen Ängste der Deutschen, die man an allen Ecken in der Gesellschaft finden kann. Ist DAS nicht erschreckend?

Angst radikale Entscheidungen betreffend sieht man dementsprechend auch in der deutschen Schulpolitik. Bezüglich Neuerungen im Schulsystem sind die Entscheider:innen zwar seeeehr kreativ, was die Arbeitsbedingungen von Lehrer:innen betrifft, winden sich die Leute an der Spitze jedenfalls aus der Verantwortung. Darf halt alles nichts kosten! Bildung in Deutschland hat keine Priorität, solange irgendwelche PISA Zahlen okay sind und angeblich kann man keine Gelder investieren, in Corona Zeiten aber plötzlich dafür sorgen, dass alle Kolleg:innen mit I-Pads ausgestattet werden. Hm, komisch.

 

Die Schwierigkeiten im gesamten Bildungssystem liegen wie die der Gender Debatte oder der Rassismus Problematik tief in den Wurzeln und müssten auch genau DA aufgelöst werden. Das geht aber nur, wenn ein deutliches Bewusstsein dafür geschaffen wird, dass es ernstzunehmende Schwierigkeiten GIBT und dass man es anscheinend NICHT den Verantwortlichen überlassen kann, für Veränderung zu sorgen! Man kann Dinge nur dann verändern, wenn sie sich genau anschaut und sich eingesteht: Mist, so klappt das nicht! Das gilt einfach für alles, das man verändern möchte und ist im Übrigens auch der perfekte Ansatz für eine ordentliche Entschuldigung! Dies wurde bisher allerdings tunlichst vermieden. 


4. EINE NEUE BLACK MIRROR FOLGE?

Falls du „Black Mirror“ nicht kennst – es handelt sich hierbei um eine Netflix Serie, die aus einzelnen, eigenständigen dystopischen Geschichten besteht. Sie thematisieren in Zukunftsszenarien verschiedene Auswirkungen von Technik und Medien auf unsere Gesellschaft. „What is a dystopia?“ ist übrigens auch eine beliebte Frage in einer mündlichen Englisch Abi-Prüfung. In Dystopien wird in der Regel eine akute Problematik unserer heutigen Gesellschaft aufgegriffen, um eine gruselige Zukunftsversion zu gestalten. Dystopische Klassiker sind George Orwells „1984“ oder etwas aktueller „Die Tribute von Panem“ Reihe. Und da „Black Mirror“ ebenfalls unter diese Kategorie fällt, griff ich die Idee eines Kollegen auf und behandelte einige Folgen im Zuge passend zum im Curriculum verankerten Thema im Oberstufenunterricht in Englisch.

Wenn du dir die „Black Mirror“ Kurzfilme bereits angeschaut hast, dann weißt du, dass viele der dargestellten Welten einem das Blut in den Adern gefrieren lassen, weil du ganz oft denkst: „Scheiße, da sind wir wahrscheinlich nicht mehr weit von entfernt!“ Erst kürzlich hatte ich den Eindruck, ich befände mich mitten in einer von ihnen, als ich am helllichten Tag in einer vollkommen menschen- und autoleeren Stadt stand. Das war zu Beginn der Corona Pandemie und hat mich zum letzten Blog Artikel Was die Corona Krise mit einer Zombie Apokalypse gemeinsam hat und wir daraus lernen können inspiriert. 

 

Je mehr ich mich im Laufe dieses Buches mit unserem Schulsystem auseinander gesetzt habe, desto öfters musste ich nun an dystopische Verhältnisse denken. Im Unterricht lernt man, dass in Dystopien oft ein bewusster oder auch unbewusster Zustand der Unterdrückung durch ein meist totalitäres Regime herrscht. Manchmal sind sich die Menschen der Unterdrückung bewusst. Schau dir Katniss in Panem an. In der Erzählung von Suzanne Collins spüren die Menschen der verschiedenen Distrikte die Unterdrückung durch das Kapitol auf unterschiedlichste Art und Weise. Die Menschen in der Hauptstadt leben unbekümmert in Saus und Braus, während diejenigen in Distrikt 10 die Grausamkeit der Regierung am eigenen Leib bitter spüren müssen.

In Aldous Huxleys „Brave New World“ (zu Deutsch „Schöne neue Welt“) werden die Menschen in einer Welt voller „Stabilität, Frieden und Freiheit“ einfach den ganzen Tag mit Drogen und vollkommener Bedürfnisbefriedigung glückselig – und ruhig gestellt. Dass alle Menschen in Reagenzgläsern mit entsprechender Sauerstoffzufuhr auf bestimmte „Kasten“ geprägt werden, wird nicht in Frage gestellt. Jeder hat seine feste Rolle im System. Erst ein „Wilder“, der von außen in diese Welt eintritt, hat kritische Gedanken.

 

Es gibt eine richtig gruselige „Black Mirror“ Folge namens „Das Leben als Spiel“ („A million merits“). In dieser Welt verbringen alle Menschen den Tag auf einem Laufrad und verdienen damit ihren Lebensunterhalt in Form von Guthaben. Sie werden tagtäglich mit schwachsinnigen Sendungen zugeballert, alle tragen dieselben Sportanzüge und Tageslicht oder Natur gibt es nicht. Wer auf dem Ergometer nicht mithalten kann, wird zur Putzkraft degradiert. Es geht um Oberflächlichkeit, bizarre Schönheitsideale und dass es für „normale Arbeiter“  keine Ausbruchsmöglichkeiten aus dieser Konformität gibt.

Das ist genauso wie wenn man den Staatseid unterzeichnet und dann nicht mehr demonstrieren darf. Und dann Angst vor Einträgen  in die Akte bekommt, wenn man doch mal demonstrieren geht oder für sich klare Rechte einfordert. Mit einem ansehnlichen Beamtengehalt wird man ruhig gestellt. Wir werden mit den Slogans „Sicherheit“ und „Fürsorge“ braingewasht und denken aufgrund eines gewissen Sauerstoffentzugs (Nein, NICHT durch die Masken. Das ist jawohl inzwischen ausreichend belegt!) durch all die „Beschäftigungsangebote“ ohne Atempause, dass wir in einem toll funktionierenden System leben, das man nicht hinterfragen muss. Naja, oder wir merken es schon, haben aber einfach verdammt nochmal KEINE ZEIT, etwas zu hinterfragen oder zu ändern. Auswege aus dem System werden nicht thematisiert. Sie existieren offiziell einfach nicht. 

Und wie ist das nochmal in Corona Zeiten mit der Sicherheit und Fürsorge für die Menschen im System? Ach was? DAS ist was anderes - ahso, verstehe.

Und schau dir mal an, was unser tolles System für junge Menschen hervorbringt: solche, die ihre E-Roller rücksichtslos genau da abstellen, wo sie nicht mehr gebraucht werden – egal, wer deswegen als nächstes auf die Fresse fliegt. Junge Mädchen, die denken, mit 18 müsste man sich Filler in die Lippen spritzen, weil das die Kardashians auch machen. Die glauben, ohne Instagram Filter und ganz bestimmte Klamottenmarken wären sie nicht schön. Jungs, die frauen- und menschenabwertenden Gangsterrap hören. WARUM zur Hölle lernen unsere Kinder nicht als fest verankerten Teil des Curriculums über einen gesunden Selbstwert in der Schule? Ach ja – dann würde man ja wieder selbstständig denken und das kann fatale Folgen haben. Wenn man den eigenen Wert erkennt, lässt man sich nicht mehr so gut lenken. Dann funktioniert so einiges nicht mehr. Stimmt, das geht ja nicht. Sorry, mein Fehler!


Picture by Cristian Newman on Unsplash.com
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5. FÜR EIN FEUER REICHT EIN FUNKE!

Je länger ich meine Erfahrungen mit Schule aufschreibe, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass wir in einem System stecken, welches von der Wurzel an dafür sorgt, dass die Menschen in ihm, „ruhig gestellt“ werden. Schon früh bringt man jungen Menschen bei, sich anzupassen und zu funktionieren – denn schon in der Schule gibt es genug Lehrer:innen, die es gar nicht mögen, wenn Kinder zu frech nachfragen. Professor:innen an der Uni werden auch nicht gerne hinterfragt – und vom Referendariat sprechen wir besser erst gar nicht. Im Schuldienst werden kritische Fragen mit niemals endende Formalien und Paragraphen ruhig stellt. Oder dadurch, dass man einfach mit Arbeit zugeballert und Arbeitsgruppen, die im Sande verlaufen, mürbe gemacht wird. Ich kann an dieser Stelle nur TAUSEND DANK an diejenigen im System sagen, die sich kniffligen Fragen Stellen und eine kritische Sicht auf Dinge befürworten, anstatt sie zu unterdrücken!

 

Eine Bekannte schrieb mir kürzlich, dass ihr Vater, der ebenfalls Lehrer war, mal ein kritisches Schreiben bezüglich der Inklusion ans Bildungsministerium geschrieben hat. Ergebnis: es gab einen Eintrag in der Akte, weil er den „Dienstweg“ nicht eingehalten hatte.  Mir kommt unser Schulsystem immer mehr vor wie ein riesiges, gesichtsloses Monster, dem die Menschen, die IN ihm arbeiten müssen, nicht wichtig sind. Das sieht man ja momentan insbesondere daran, unter welchen Bedingungen Lehrer:innen in der Corona Zeit arbeiten müssen. Gesundheitsschutz? HAHA. Dem System geht es um das Funktionieren des Systems. Punkt. Und wer sagt, es funktioniert nicht, der darf ja mit einer Rente in den Frühruhestand gehen. Und wer so dumm ist, vor der Rente auszusteigen, der kriegt halt 50% der Altersansprüche gekürzt - selbst Schuld, Strafe muss sein. 

Also Masken auf und bitte funktionieren! Und wer auf dem Ergometer nicht mitkommt, der muss halt seinen Trainingsanzug abgeben. Oder hängt ihn in der Kurklinik in den Schrank. Fürsorgepflicht gewahrt.  Das Bildungsministerium ist das Kapitol und die Schulen und Schüler leben in den Distrikten. Aber wir erinnern uns an Band zwei der Buchreihe: manchmal reicht ein kleiner Funke für ein Feuer! Und ich wiederhole nochmal: IF YOU’RE NOT ANGRY, YOU ARE NOT PAYING ATTENTION!

Picture by Kristopher Roller on Unsplash.com
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Kommentare: 0
Kommentare: 2
  • #2

    p6majo (Freitag, 10 Januar 2020 20:46)

    Hallo Annika,

    ich lese Deine Soulkanguruh-Sprünge sehr gern. Oft dreht es sich ja um das Thema Liebe. Deshalb würde ich an dieser Stelle gern eine provokante These in den Raum stellen. Ich bin kein Philosoph und habe auch keinen fundierten Hintergrund für meine These. Es sind einfach nur Gedanken und Du kannst den Kommentar jederzeit wieder entfernen (hoffe ich).

    Was ist Liebe?
    Kurz: Es gibt zwei Säulen der Liebe, alles darüber hinaus ist eine gesellschaftliche, moralische und romantische Überhöhung bzw. Glorifizierung.

    1. Säule: Die sexuelle Anziehung zwischen zwei Menschen, getriggert durch Schemata, biochemische Botenstoffe und eventuell Verhaltensmuster, die es uns ermöglichen sollen, einen möglichst geeigneten Paarungspartner zu finden.
    2. Säule: "kin selection" --- kurz: das durch Evolution selektierte Verhaltensmuster, sich um Kinder und nahe Verwandte bis hin zu Selbstaufgabe zu kümmern und zu sorgen.

    Beide Säulen sind bei den meisten Tierarten auf der Welt zu finden und meiner Meinung nach die Essenz von all dem, was wir als Liebe bezeichnen. Alles andere ist der Versuch, uns Menschen zu etwas Besonderem zu machen (was wir meiner Meinung nach aber nicht sind), oder aber ein moralischer Überbau oder netter formuliert, allgemein akzeptierte Wertvorstellungen, um unser Handeln in gesellschaftlich-konforme Bahnen zu lenken. Allerdings sind diese Wertvorstellungen nicht immer mit den Säulen 1. und 2. vereinbar, was die Ursache für das meiste "Liebesleid" auf dieser Welt sein könnte.

  • #1

    Teale (Sonntag, 22 September 2019 02:53)

    You're a legend Annika. Love your words and the pictures used.